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St. Martin Hehler

Für Kinder, Eltern und Neugierige

Wer war eigentlich Sankt Martin?

Ein römischer Reitersoldat teilt an einem Wintertag seinen Mantel mit einem Bettler. Aus dieser einen Geste ist über 1700 Jahre hinweg ein Fest geworden, das bis heute jedes Jahr durch Hehler zieht. Hier erzählen wir die ganze Geschichte – ausführlich zum Nachlesen und mit kurzen Fassungen zum Vorlesen.

Woher wir das wissen: Die älteste Quelle ist die Lebensbeschreibung Vita sancti Martini von Sulpicius Severus – der Autor kannte Martin persönlich und schrieb sie noch zu dessen Lebzeiten. Manches, was wir heute erzählen, kam erst Jahrhunderte später dazu. Wo das so ist, sagen wir es dazu.

um 316 n. Chr.

Ein Kind des Militärs

Geboren am Rand des Römischen Reiches, aufgewachsen in Italien.

Martin kommt um das Jahr 316 in Savaria zur Welt, einer Stadt in der römischen Provinz Pannonien – heute heißt sie Szombathely und liegt in Ungarn. Sein Vater ist Militärtribun, ein hoher Offizier. Er gibt seinem Sohn einen Namen, der Programm ist: Martinus, abgeleitet von Mars, dem römischen Kriegsgott.

Die Familie zieht bald weiter nach Ticinum, dem heutigen Pavia in Norditalien. Dort wächst Martin auf. Das Römische Reich ist in diesen Jahren im Umbruch: Kaiser Konstantin hat das Christentum gerade erst erlaubt, viele Familien halten aber weiter an den alten Göttern fest – so auch Martins Eltern.

Trotzdem zieht es den Jungen in die christlichen Versammlungen. Mit etwa zehn Jahren lässt er sich gegen den Willen seiner Eltern als Taufbewerber aufnehmen. Getauft wird er da noch nicht – das war damals oft eine Entscheidung für später im Leben.

Für Kinder erzählt

Martin wurde vor sehr langer Zeit in Ungarn geboren. Sein Papa war Soldat und wollte, dass Martin auch einer wird. Aber Martin interessierte sich für ganz andere Sachen.

Wusstest du?

Der Name Martin bedeutet so viel wie „dem Kriegsgott Mars geweiht“ – ausgerechnet der Mann, der später den Kriegsdienst verweigert hat.

um 331

Mit fünfzehn zum Heer

Als Sohn eines Offiziers hat Martin keine Wahl.

Ein Gesetz verpflichtet Söhne von Veteranen zum Militärdienst. Mit rund fünfzehn Jahren wird Martin eingezogen und der Reiterei zugeteilt – vermutlich einer Eliteeinheit, die für den Wachdienst des Kaisers zuständig war. Sein Dienst führt ihn nach Gallien, ins heutige Frankreich.

Sulpicius Severus, sein späterer Biograf und Freund, beschreibt ihn als ungewöhnlichen Soldaten: bescheiden, hilfsbereit, ohne den üblichen Standesdünkel. Seinen Diener soll er wie einen Gleichgestellten behandelt und ihm sogar selbst die Stiefel geputzt haben.

Für Kinder erzählt

Mit fünfzehn musste Martin Soldat werden – das war damals Pflicht. Er bekam ein Pferd und ritt nach Frankreich.

um 334

Der geteilte Mantel

Die berühmteste Szene der Geschichte – und der Grund, warum wir heute feiern.

Es ist ein außergewöhnlich harter Winter. Martin reitet auf sein Quartier in Amiens zu, als er am Stadttor einen Bettler sieht: kaum bekleidet, halb erfroren, und alle gehen vorbei. Martin hat nichts bei sich außer seinen Waffen und dem Mantel, den er trägt.

Also zieht er sein Schwert und teilt den Mantel in zwei Hälften. Die eine gibt er dem Bettler, in die andere hüllt er sich selbst. Umstehende lachen über die halbierte Gestalt – andere schämen sich, weil ihnen klar wird, dass sie leicht hätten helfen können.

Warum nur die Hälfte? Der Militärmantel gehörte dem Soldaten nur zur Hälfte, die andere Hälfte war Eigentum des römischen Heeres. Martin verschenkte also genau das, was ihm gehörte – mehr durfte er gar nicht geben.

In der Nacht darauf, so erzählt Sulpicius, hat Martin einen Traum: Christus selbst erscheint ihm, bekleidet mit dem halben Mantel, und sagt zu den Engeln: „Martin hat mich mit diesem Gewand bekleidet.“ Kurz darauf lässt Martin sich taufen – er ist etwa achtzehn Jahre alt.

Die Mantelteilung am Stadttor von Amiens
Die Mantelteilung am Stadttor von Amiens · KI-Illustration

Für Kinder erzählt

An einem eiskalten Abend saß ein Bettler frierend am Stadttor. Alle liefen vorbei. Martin nahm sein Schwert, schnitt seinen warmen Mantel in zwei Hälften und gab eine davon dem Mann. In der Nacht träumte er, der Bettler sei Jesus gewesen.

Wusstest du?

Aus diesem Mantel stammt ein Wort, das wir bis heute benutzen: Die Reliquie hieß lateinisch cappa. Der Raum, in dem sie aufbewahrt wurde, wurde zur capella – unserer Kapelle. Und ihr Hüter war der cappellanus, der Kaplan.

356

„Ich bin Soldat Christi“

Martin verweigert den Kampf – und riskiert dafür sein Leben.

Rund zwanzig Jahre dient Martin im Heer. Vor einer Schlacht bei Worms tritt er schließlich vor den Kaiser und bittet um seine Entlassung. Überliefert ist der Satz: „Ich bin Soldat Christi – mir ist der Kampf nicht erlaubt.“

Der Kaiser wirft ihm Feigheit vor. Martin antwortet, er sei bereit, am nächsten Morgen unbewaffnet und allein zwischen die Fronten zu treten. Dazu kommt es nicht: Die Gegner bitten um Frieden. Martin wird aus dem Dienst entlassen.

Diese Szene macht ihn bis heute zu einer Symbolfigur – für Zivilcourage und dafür, dass man auch dann zu seiner Überzeugung stehen kann, wenn es unbequem wird.

Martin legt die Waffen nieder
Martin legt die Waffen nieder · KI-Illustration

Für Kinder erzählt

Nach vielen Jahren als Soldat wollte Martin nicht mehr kämpfen. Er sagte dem Kaiser mutig: Ich gehe lieber ohne Waffen. Da hörte der Streit von selbst auf.

361

Das erste Kloster des Abendlandes

Ein Rückzugsort in Ligugé – und der Beginn des Mönchtums im Westen.

Martin schließt sich Bischof Hilarius von Poitiers an, einem der bedeutendsten Theologen seiner Zeit. Nach unruhigen Jahren – darunter eine Reise zu seinen Eltern, bei der er seine Mutter für den christlichen Glauben gewinnt, den Vater aber nicht – gründet er um 361 in Ligugé eine kleine Gemeinschaft.

Daraus entsteht das erste Kloster auf dem Gebiet des heutigen Frankreich und damit eine der Wurzeln des abendländischen Mönchtums. Martin lebt dort einfach, arbeitet mit den Händen und wird in der Umgebung bekannt als jemand, der Kranken hilft und sich um die Armen kümmert.

Für Kinder erzählt

Martin zog in ein kleines Haus außerhalb der Stadt und lebte dort mit Freunden zusammen. Sie halfen den Menschen, die krank oder arm waren.

371

Die Gänse verraten ihn

Wie aus dem widerwilligen Mönch ein Bischof wurde.

Die Menschen von Tours wollen Martin unbedingt als Bischof. Er selbst hält sich für ungeeignet – und auch mancher Amtskollege findet ihn zu schlicht gekleidet und zu ungepflegt für dieses Amt. Um der Wahl zu entgehen, versteckt er sich.

Hier setzt die bekannteste Legende an: Martin verbirgt sich in einem Gänsestall, doch die Gänse schnattern so laut, dass er entdeckt wird. Diese Geschichte taucht allerdings erst Jahrhunderte später auf – in der ältesten Lebensbeschreibung steht sie noch nicht. Historisch wahrscheinlicher ist, dass man ihn mit einer List aus dem Kloster lockte.

Martin wird Bischof von Tours – und bleibt der, der er war. Statt im Bischofspalast wohnt er in einer Holzhütte vor der Stadt, aus der später das Kloster Marmoutier wird. Er zieht über die Dörfer, gründet Gemeinden und legt sich mit den Mächtigen an, wenn es um das Leben von Menschen geht.

Die Gänse verraten sein Versteck
Die Gänse verraten sein Versteck · KI-Illustration

Für Kinder erzählt

Die Leute wollten Martin unbedingt zum Bischof machen. Der war ihm das zu viel Ehre, und er versteckte sich in einem Gänsestall. Aber die Gänse schnatterten so laut, dass alle ihn fanden.

Wusstest du?

Die Legende erklärt, warum am Martinstag traditionell Gans gegessen wird. Wahrscheinlicher ist ein anderer Grund: Der 11. November war der Tag, an dem Pachten fällig wurden – oft bezahlt in Naturalien, und eine gemästete Gans war eine gängige Währung.

371–397

Ein Bischof zum Anfassen

26 Jahre unterwegs bei den Menschen.

Als Bischof reist Martin unermüdlich über Land, meist zu Fuß oder auf einem Esel. Er gründet Gemeinden in Dörfern, in die vorher nie ein Bischof gekommen wäre, kümmert sich um Kranke und tritt für Gefangene ein.

Besonders in Erinnerung geblieben ist sein Einsatz gegen die Todesstrafe für Andersdenkende: Als in Trier Anhänger einer als ketzerisch geltenden Lehre hingerichtet werden sollen, reist Martin zum Kaiser und protestiert – für damalige Verhältnisse eine ungeheuerliche Grenzüberschreitung.

Sein Biograf Sulpicius Severus, der ihn persönlich besuchte, beschreibt einen Mann ohne Allüren: einfach gekleidet, geduldig, oft von Bittstellern umringt – und bis ins hohe Alter unterwegs.

Martin als Bischof von Tours
Martin als Bischof von Tours · KI-Illustration

Für Kinder erzählt

Als Bischof war Martin fast immer unterwegs. Er ging von Dorf zu Dorf, half kranken Menschen und setzte sich für alle ein, denen es schlecht ging.

8. November 397

Der letzte Weg

Martin stirbt auf einer Reise – und wird am 11. November beigesetzt.

Mit über achtzig Jahren reist Martin nach Candes, um einen Streit zwischen Geistlichen zu schlichten. Dort wird er krank und stirbt am 8. November 397.

Um seinen Leichnam entsteht sogleich ein Streit: Die Gemeinde von Candes will ihn behalten, die von Tours holt ihn zurück. Auf dem Fluss Loire bringen sie ihn in seine Bischofsstadt. Am 11. November wird er dort unter großer Anteilnahme beigesetzt – Menschen säumen mit Lichtern den Weg.

Dieser 11. November ist bis heute der Martinstag. Nicht sein Geburts- oder Sterbetag, sondern der Tag seiner Beisetzung.

Für Kinder erzählt

Als Martin sehr alt war, starb er auf einer Reise. Die Menschen brachten ihn mit einem Boot zurück nach Hause und begleiteten ihn mit vielen Lichtern. Das war am 11. November – deshalb feiern wir an diesem Tag.

Wusstest du?

Martins Grab in Tours wurde zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas. Über Jahrhunderte pilgerten Menschen dorthin – die Wege dahin gehören zu den ältesten Fernwegen des Kontinents.

Mittelalter

Vom Heiligen zum Volksfest

Warum ausgerechnet der 11. November so wichtig wurde.

Der Martinstag war jahrhundertelang weit mehr als ein Gedenktag. Er markierte das Ende des bäuerlichen Wirtschaftsjahres: Die Ernte war eingebracht, Knechte und Mägde wechselten die Stelle, Pacht und Zins wurden fällig. Verträge liefen „von Martini bis Martini“.

Zugleich begann damals eine vierzigtägige Fastenzeit vor Weihnachten. Der 11. November war also der letzte Tag, an dem noch einmal richtig aufgetischt wurde – ein Grund mehr für den Gänsebraten.

Der Mantel Martins wurde zur wichtigsten Reliquie der fränkischen Könige, Martin selbst zum Schutzpatron des Frankenreichs. Unzählige Kirchen tragen seinen Namen – und mit ihnen ganze Ortschaften.

Für Kinder erzählt

Früher war der 11. November ein wichtiger Tag für alle Bauern: Die Arbeit auf dem Feld war geschafft, und es wurde noch einmal richtig gefeiert und gut gegessen.

19. Jahrhundert

Die Laternen kommen dazu

Der Umzug, wie wir ihn kennen, ist jünger als gedacht.

Lichter gehörten schon zur Beisetzung Martins dazu, und Martinsfeuer sind seit Jahrhunderten belegt. Der Laternenumzug in seiner heutigen Form entstand aber erst im 19. Jahrhundert – vor allem im Rheinland, oft ausgehend von Schulen und Kirchengemeinden.

Dazu kam der Brauch des Martinssingens, am Niederrhein „Schnörzen“ genannt: Kinder ziehen mit Laternen von Haus zu Haus, singen und bekommen dafür Süßigkeiten oder Obst. Aus den Gaben wurden mit der Zeit die Martinstüten.

Auch Sankt Martin hoch zu Ross gehört seit dieser Zeit fest zum Zug – meist begleitet von einem Musikverein, gefolgt von hunderten Kindern mit selbstgebastelten Laternen.

Martinssingen an der Haustür
Martinssingen an der Haustür · KI-Illustration

Für Kinder erzählt

Laternenumzüge gibt es noch gar nicht so lange – vor ungefähr 150 Jahren fingen die Kinder im Rheinland damit an, mit Lichtern durch die Straßen zu ziehen und zu singen.

heute

Sankt Martin in Hehler

Was in Amiens begann, zieht bei uns jedes Jahr durch die Straßen.

Bei uns in Hehler startet der Zug am frühen Abend. Sankt Martin reitet voran, dahinter die Kinder mit ihren Laternen, begleitet von Musik. Am Zeltplatz brennt das Martinsfeuer.

Danach geht es ins Jugendheim zum Hexen – unserer eigenen Hehler Form der Martinsverlosung. Und die Kinder bekommen ihre Martinstüten, gefüllt wie eh und je.

Getragen wird das alles vom Verein, von vielen ehrenamtlichen Helfern und von Spenden aus dem Dorf. Damit die Geschichte vom geteilten Mantel auch im nächsten Jahr wieder durch Hehler zieht.

Bräuche erklärt

Warum machen wir das eigentlich?

Hinter jedem Teil des Martinsabends steckt eine eigene Geschichte – manche religiös, manche schlicht praktisch.

Die Laterne

Das Licht erinnert an die Menschen, die Martins Sarg mit Kerzen begleiteten – und an seine gute Tat: Er hat Wärme geteilt, als jemand anderes fror. Dass Kinder ihre Laterne selbst basteln, gehört seit jeher dazu.

Das Martinsfeuer

Große Feuer im November sind ein uralter Brauch am Ende des Erntejahres. Heute ist das Feuer der Schlusspunkt des Zuges – der Ort, an dem alle noch einmal zusammenstehen, bevor es ins Warme geht.

Die Martinsgans

Die Legende sagt: Die Gänse haben Martin verraten. Der handfestere Grund: Am 11. November wurden Pacht und Löhne fällig, oft in Naturalien – und danach begann eine lange Fastenzeit. Also wurde vorher noch einmal aufgetischt.

Der Weckmann

Der Mann aus Hefeteig mit der Tonpfeife stellt einen Bischof mit Stab dar. Und weil Martin geteilt hat, teilt man auch den Weckmann gern – Kopf für den einen, Beine für den anderen.

Martinssingen & Schnörzen

Am Niederrhein ziehen Kinder mit Laternen von Tür zu Tür, singen ihre Lieder und bekommen dafür etwas Süßes. Aus diesem Brauch sind die Martinstüten entstanden, die es bei uns nach dem Zug gibt.

Kapelle und Kaplan

Martins Mantel – lateinisch cappa – wurde zur Reliquie der fränkischen Könige. Der Raum, in dem sie aufbewahrt wurde, hieß capella. Daraus wurde unsere Kapelle, und aus ihrem Hüter der Kaplan.

Und was ist „Hexen“?

Verlosungen am Martinsabend kennt man auch anderswo – in Hehler hat das Hexen aber seine eigene, gewachsene Form: Nach dem Zug treffen sich alle im Jugendheim Hehler zur großen Verlosung mit der Lostrommel, gespielt wird in zwei normalen Runden und einer Hauptpreisrunde. Mehr dazu →

Zum Mitmachen

10 Ausmalbilder für zu Hause, Kita und Schule

Jedes Blatt hat ein Namensfeld und eine kleine Frage zum Weiterdenken. Ihr könnt alle Motive gesammelt drucken oder einzeln – einfach auf ein Bild tippen.

Vorlesen & erzählen

In jedem Kapitel oben steht eine kurze Fassung „Für Kinder erzählt“ – gut geeignet für den Abend vor dem Zug oder den Morgenkreis. Fragen wie „Was hättest du gemacht?“ führen erfahrungsgemäß zu den besten Gesprächen.

Für Gruppen und Klassen

Die Blätter dürfen frei kopiert und in Kita, Schule oder Gruppenstunde eingesetzt werden. Wenn ihr mögt, hängen wir die schönsten Bilder am Martinsabend im Jugendheim Hehler auf – bringt sie einfach mit.

Aus der Geschichte wird gelebte Tradition

Der St. Martinsverein Hehler e.V. hält dieses Brauchtum in Hehler lebendig – getragen von Ehrenamt, Nachbarschaft und Spenden aus dem Dorf.